Trockentoleranz - Herausforderung an die Züchtung

 

Viel zu trockene Sommer - neue Sorten müssen her. Geht das?

Es ist Teil der Strategie eines jeden Züchters, die einzelnen Zuchtziele und deren jeweilige Gewichtung regelmäßig auf ihre zukünftige Relevanz hin zu überprüfen. Grundlage dafür sind zu erwartende Anbautrends und ackerbauliche Rahmenbedingungen sowie die Einschätzung der Marktentwicklung.

Die Zuchtziele können in vier Gruppen eingeteilt werden:

  1. Ertragsleistung und Ertragsstabiliät
  2. Agronomische Eigenschaften wie Reife, Standfestigkeit, Strohstabilität und Winterhärte
  3. Resistenzleistung gegenüber einer Vielzahl an Krankheiten und Schädlingen
  4. Qualität mit unterschiedlichsten Merkmalen entsprechend der Verwertungsrichtung

Doch wo ist ein Merkmal wie die Trockentoleranz einzuordnen

Wie wichtig ist es nach Jahren wie 2018/2019, in welchen nicht nur die bekannten Anbaulagen mit grundsätzlich höherem Trockenheitsrisiko betroffen waren? Und schlussendlich die Frage, wie reagiert die LG-Züchtung darauf? Es sind die abiotischen (=unbelebten) Umweltfaktoren Temperatur und Wasser, die Trockenstress bewirken. Der Zeitpunkt, ab dem Trockenstress auftritt und Auswirkungen auf das Pflanzenwachstum hat, kann in drei Phasen unterschieden werden (siehe Tabelle).

Auswirkungen von Trockenstress

Trockenstress-Phasen Auswirkungen auf die Pflanze
Frühjahrs-Trockenheit nach Vegetationsbeginn und bis zum Übergang in die generative Phase Geringe Bestockung, weniger Schosstriebe, Reduktion der Ährenanlagen
Vorsommertrockenheit ab der zweiten Maihälfte Reduktion von Nebentrieben und Kornanlagen
Sommertrockenheit zur Kornfüllung/Abreife Vorzeitige Unterbindung der Verlagerung von Assimilaten aus den Blättern in die Kornanlagen. Notreife mit schlechter Kornausbildung

Umweltabhängige Faktoren - entscheidend ist das Prüfungsnetzwerk mit der Standortwahl

Aufgrund der Umweltabhängigkeit von Trockenstress kann dieser in Freilandprüfungen, im Gegensatz zum Auftreten von Schaderregern nicht künstlich provoziert werden. Es bleibt aber die Möglichkeit, über ein breit gefächertes Prüfungsnetzwerk mit Standorten, die sich in Ihrer Bonität und den klimatischen Bedingungen unterscheiden, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Trockenstress zu erhöhen.

Auf gleichem Wege arbeiten wir am Zuchtziel Ertragsstabilität. Letztlich sind die Sorten trockenstresstolerant, die ein hohes Kompensationsvermögen ihrer Ertragsparameter mit geringsten Ertragsschwankungen zwischen den unterschiedlichsten Standorten und Jahren vereinen. Jüngste Beispiele sind der neue A-Weizen LG AKKURAT und die neue zweizeilige Wintergerste VALERIE.

  • Die vielzitierte Aussage, dass längere Sorten gegenüber kürzeren Sorten durch ein größeres Wurzelwerk bei Trockenheit im Vorteil sind, hat sich auch 2018 bewahrheitet. Es finden sich langstrohige Sorten in der ertraglichen Spitzengruppe wieder, deren Ertragsvermögen unter günstigeren Bedingungen nicht so hoch bewertet wird. Dieser positive Effekt kann durch starke Einkürzung mittels hohem Wachstumsreglereinsatz aufgehoben werden. Daher ist bei langstrohigen Sorten mehr als bei kurzstrohigen Sorten auf die Standfestigkeit zu achten.
  • Eine gleichmäßige Korn-/Strohabreife ist weniger als Zeichen einer guten Trockenstresstoleranz zu sehen, sondern vielmehr ein Hinweis auf eine hitzestresstolerante Sorte. Wenn nach Tagen mit > 30 °C und hoher Globalstrahlung die Bestände in der Ähre ausbleichen und zum Zeitpunkt der Druschreife das Stroh teils noch grün bleibt, kann die Umverlagerung der Assimilate in die Körner nicht vollständig abgeschlossen werden. Damit ist weder das ertragliche noch das qualitative Potenzial der Sorte ausgeschöpft. Zu beachten ist, dass physiologische Effekte einiger Fungizide diese Sorteneigenschaft ein Stück weit maskieren können.

Die LG-Züchtung kann bereits heute mit trockenstresstoleranten Sorten aufwarten. Da das Merkmal aber nicht in jedem Jahr gefragt ist – hier sei an 2017 erinnert – und eine Vielzahl weiterer Ansprüche an leistungsfähige Sorten gestellt werden liegt für den Getreideanbauer eine wesentliche Chance zur Risikovorsorge im Sortenmix des Betriebes.